Reiseberichte - Urlaubsberichte - Erfahrungsberichte


1. September 2011

Widukind und das Quellwunder – auf Spurensuche in Ostwestfalen

Kategorie: Deutschland – 22:26

Als der legendäre Sachsenherzog bzw. sächsische Heerführer Widukind anno 885 in den Ardennen, genauer: in der Kaiserpfalz Attigny, sein Haupt unter die Taufschale senkte, kam dies sowohl politisch-militärisch als auch – zumindest aus Sicht vieler seiner Anhänger – moralisch einer Kapitulation gleich. Über zehn Jahre lang hatte Widukind (Wittekind) den erbitterten, aber militärisch letztlich perspektivlosen Kampf seiner tapferen Sachsenheere gegen Karl den Großen und die Einverleibung der sächsischen Stammesgebiete in das fränkische Reich angeführt.

Widukinds „Bekehrung“ zum Gottvater der Christen – Karl der Große höchstselbst soll als Taufpate fungiert haben – stellte den entscheidenden Wendepunkt der Sachsenkriege dar. Die parallel zur militärischen Eroberung durchgesetzte Zwangschristianisierung des Sachsenlandes, zu dem das heutige Ostwestfalen (Ostfalen, Engern) als Kerngebiet zählte, nahm in der Folge unwiderstehlich ihren Lauf.

Wieweit Widukinds Taufe eine echte „innere“ Bekehrung des Sachsenherzogs zum Ausdruck brachte, ist ungewiss. Viele Historiker deuten Widukinds „Gang nach Attigny“ als – wie man heute sagen würde – realpolitisch kalkulierte und verantwortungsethisch motivierte Entscheidung. Der Heerführer erkannte nach dieser Lesart die hoffnungslose militärische Unterlegenheit der Sachsen und wollte weitere „unnötige“ Verluste seiner Leute verhindern. Folgerichtig vollzog er genau den religiös-symbolischen Akt, den Karl der Große einforderte. Eine innere „Bekehrung“ des Sachsenherzogs gab es nach dieser Interpretation nicht, Widukind blieb wahrscheinlich heimlich den Göttern seiner Väter (Donar, Wodan und Saxnoth) treu. Nicht wenige Historiker, namentlich solche mit christlichem Hintergrund, sehen dies freilich anders. Sie leiten ihre Behauptung von einer „echten“ inneren Bekehrung Widukinds gerade aus der Logik des germanischen Götterglaubens ab: Der Sachsenführer, so wird vermutet, dürfte wegen der verheerenden militärischen Niederlagen seiner aufopferungsvoll kämpfenden sächsischen Heere zunehmend den Glauben an seine germanischen (Kriegs-)Götter verloren haben und daraus den Schluss gezogen haben, dass Wodan und Co dem christlichen Gottvater, an den seine Feinde glaubten, unterlegen sein müsse. Folglich „entsagte“ Widukind seinen alten Göttern und „bekannte“ sich zum Christengott.

Unter der uneingeschränkten Hegemonie des Christentums im Frankenreich setzt sich natürlich die Sichtweise von der „echten“ inneren Bekehrung Widukinds durch. Die Deutung verschob sich obendrein ins Mystische und es entstanden volkstümliche christliche Sagen, die Widukinds Bekehrung durch Wundererlebnisse erklärten. Einer dieser Sagen ist die Geschichte vom „Quellwunder“. Im Wiehengebirge bzw. in Ostwestfalen (Tourismusregion Teutoburger Wald) finden sich bis heute viele Spuren dieser Sage. Darunter sind einige Wasserquellen, die nach dem Sachsenherzog benannt sind. Doch Obacht: Nicht alle Wittekindquellen in Ostwestfalen verdanken ihren Namen der Sage vom Quellwunder. Ich habe besagte W-Quellen und Quellwunder-Darstellungen 2011 an verschiedenen Wochenenden aufgesucht – und hatte natürlich auch eine Digitalkamera dabei.

Das Quellwunder – Bergkirchen, Wittekindsberg, Herford, Enger, Minden

Von vielen Lokalitäten in Ostwestfalen wurde im Laufe der Geschichte behauptet, sie seien Schauplatz des Quellwunders gewesen. Die bekanntesten sind Bergkirchen (Bad Oeynhausen) und der Wittekindsberg (Porta Westfalica). In Bergkirchen sprudelt bis heute eine (der Sage nach) an das Quellwunder erinnernde Wittekindquelle, auf dem Wittekindsberg trifft der Wanderer auf die Quellfassung einer inzwischen versiegten ehemaligen Quelle gleichen Namens und (vermeintlichen) Ursprungs.

Nach der Sage vom Quellwunder wurde Wittekinds Bekehrung durch ein von Gott selbst hervorgebrachtes Wundergeschehen (mit-)verursacht. Genauer gesagt: Der Sachsenherzog hat vom Christengott höchstselbst einen Beweis für dessen göttliche Kraft erhalten – und das ging (etwas vergröbert dargestellt) wie folgt: Als der Sachsenherzog einst vom Durst geplagt und in seinem altväterlichen heidnischen Glauben bereits schwankend durch die ostwestfälische Bergwelt ritt, stellte er den Gottvater der Christen auf eine Probe. Der „Allmächtige“ sollte Quellwasser aus dem felsigen Untergrund schießen lassen, um seine Macht zu demonstrieren. Und siehe da: Kaum war diese Wunsch geäußert, trat Widukinds Ross mit einem seiner Hufe eine Quelle frei und Widukind konnte seinen Durst stillen. In Bergkirchen soll der tief beeindruckte Widukind unweit der Quelle die bis heute stehende Bergheimer Kirche gestiftet haben. Forscher halten es übrigens nicht für ausgeschlossen, dass sich am Standort der heutigen Kirche/Widukindquelle ursprünglich ein heidnisches sächsisches Quellheiligtum befand.

Die Wittekindsquelle auf dem Wittekindsberg versiegte 1938 infolge von Bergbauarbeiten. Eine Quellfassung mit der eingemeißelten Aufschrift „Widukindquelle“ erinnert allerdings bis heute an die Sage und an jene Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende ff., als die Widukindquelle auf dem Wittekindsberg ein zentraler touristischer Anzugspunkt war (Ära des Wilhelminismus). Die heutige Quellfassung ist freilich nur ein schlichter Nachfolgebau einer 1896/97 errichteten prächtigen tempelartigen Quellgrotte. Wer sich für die Quellwundersage interessiert, sollte auf jeden Fall auch das Restaurant des Berghotels Wittekindsburg aufsuchen, das sich in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Quelle befindet. Dort hängt ein beeindruckendes Ölgemälde aus dem Jahre 1904, das die örtliche Quellwundersage als dramatisches Ereignis interpretiert. Widukind wird auf dem großen Bild als einsamer Reiter dargestellt.

Bis heute überregional bekannt ist der Wittekind-Brunnen in Herford, dessen Urfassung 1899 eingeweiht wurde. Er ist heute das einzige öffentlich Widukinddarstellung mit Denkmalstatus und stellt das Quellwunder in Bergkirchen dar. Ebenso wie das Ölgemälde im Berghotel Wittekindsberg zeigt es den Sachsenherzog als germanischen Krieger mit Flügelhelm und Lanze und betont die Dramatik des Sagengeschehens.

Auf zwei weitere, freilich weniger bekannte Darstellungen des Quellwunders trifft man in Enger und Minden.

In Enger, einer kleinen Stadt nahe Herford, gibt es einen „Widukindbrunnen“, an dessen Becken seitlich zehn Bronzetafeln mit Abbildungen zu diversen Widukindsagen angebracht sind. Eine davon bezieht sich auf das Quellwunder. Die Tafel zeigt den Huf eines Rosses, der auf einem Felsen eine Quellfontaine freitritt. Enger trägt den stolzen Titel Widukindstadt. In dem um 800 entstandenen Ursprungsbau der heutigen Engeraner Stiftskirche wurde der Sachsenherzog wahrscheinlich beigesetzt. Auf der Spitze der Brunnenarchitektur ist eine kleine Bronzefigur angebracht, die Widukind als friedlichen Reiter auf seinem Weg zur Taufe nach Attigny darstellt. Eine weitere kleinere Darstellung des Quellwunders kann man auf dem Markplatz in Minden entdecken. Am Haus Nr. 20, wo ein alle drei Stunden in Gang gesetztes Figurenspiel die „historische Versöhnung“ von Widukind und Karl dem Großen darstellt, sind auch diverse Tafeln zu – größtenteils realen – Wegmarken der Mindener Geschichte angebracht. Oberhalb der Tafeln befinden sich scherenschnittartige Darstellungen der jeweiligen Ereignisse oder Epochen. Die erste dieser Tafeln heißt „Ursprung der Widukindsquelle“ und das darüber abgebildete Geschehen wird auf 785 datiert.

Die Reinigungssage – Lübbecke

Eine weitere Wittekindquelle findet der kundige Wanderer auf dem Reineberg in Lübbecke. Diese Quelle bezieht sich freilich nicht auf das Quellwunder, sondern die sog. Reinigungssage, eine „andere Geschichte“ (mehr dazu hier).

Text © by Jürgen W.

(Bisher keine Bewertungen)
Loading ... Loading ...

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. | TrackBack URI

Einen Kommentar hinterlassen

XHTML ( You can use these tags): <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> .